Kurz vor Weihnachten wurde uns eine neue Briefzustellerin, mittleren Alters,
zugeteilt.
Briefträger stehen heutzutage unter hohem Zeitdruck und gondeln nicht mehr
gemütlich mit dem Fahrrad durch die Gegend. Und um 14:00 Uhr haben sie auch
noch nicht, wie früher, Feierabend.
Weiß ich von meiner Freundin und Lieblings-Briefträgerin AD. Frau A. aus H.
Die ich in unserer Jugend immer um ihren schönen Beruf beneidet habe und auch sonst viel Freude mit ihr und der Post hatte. Siehe:
Stille Post
Ohne Gruß der Postfrau könnte ich "auf Arbeit" leben, ohne Plauderei sowieso, das erledigen ja schon
meine Kunden.
Aber, dass Sie mir die Post mit einem knappen "POST!" auf meinen
WPT (Warenpräsentationstisch) sportlich wirft, um 1,5 Meter Fußweg zum Tresen
zu sparen, fand ich trotz Weihnachtstress befremdlich. Dieser WPT heißt im
Fachjargon ja nicht umsonst WAREN-Präsentationstisch. D.h. dort werden Handys
für die Kunden ausgestellt. Ich möchte nicht, dass meine Post, während ich ein
Kundengespräch nach dem nächsten führe, irgendwo zwischen den Handys rumliegt.
Sieht ja auch nicht aus. Und kann ja auch versehentlich wegkommen.
NACH dem ganzen Weihnachtstrubel hab ich sie dann darauf angesprochen. Ich
würde mich freuen, wenn sie mir die Post doch bitte auf den Verkaufstresen legen könnte.
"Sie sehen doch, dass ich sie hier hingelegt habe". war der
trockene Kommentar. Stimmt. Meistens.
In der Folgezeit landete die "POST" meistens auf dem Tresen, gerne
wurde sie mir aber auch mitten im Kundengespräch "POST!" in die Hand
gedrückt, sollte ich mit dem Kunden gerade in der Nähe der Tür stehen.
Ich glaubte, sie hasst mich. Fragte im Handyshop gegenüber nach. Auch dort
hatte die Mitarbeiterin Schwierigkeiten die fliegende Post einzufangen,
bzw. zu finden. Sie beruhigte mich lächelnd und sagte: "Sie hasst
alle."
Ich fragte mich, ob sie im Supermarkt den Kassiererinnen die
"POST!" auch auf die Laufbänder schmeißt, weil die dem Eingang am
nächsten sind. Das ist vielleicht praktisch.
Denn wenn am Ende das Laufband die
Briefe auffrisst, bevor die Kassiererin den Briefen hinterher hechtet, könnte
man sie vielleicht im Inneren auffangen und mit unterirdischen Laufbändern ins Büro der
Buchführung leiten.
Nachdem die Briefe mal wieder bei freiem Zugang zum Tresen, nahe der Tür zwischen
die Handys segelten, schrieb ich einen Hinweis an die Post, mit dem Vorschlag,
die Route der Briefzustellerin vielleicht zu verkürzen, um ihre Zeitnot zu
lindern.
Ich erhielt ein ausfürliches und freundliches Rückschreiben:
Die entsprechende Abteilung würde mit der betreffenden Mitarbeiterin sprechen.
manbedauere, entschuldigeunannehmlichkeiten, werdemitarbeiterinhinweisen, postseikundenorientiertesunternehmen und erwartefreundlichesauftreten, hoffefreundlichstetc.
Einige Tage später mit falschem Lächeln:
"Wo möchten Sie ihre Post haben, hier auf den Tresen?" Sie
betonte, dass sie meine Beschwerde gelesen hätte, sich niemand sonst beschwert
hätte, und sie die Briefe im Supermarkt an der Info abgibt. (Bei der
Gelegenheit frage ich mich gerade, wo in diesem kleinen Supermarkt eine Info
ist?).
Neulich wollte ich ihr einen halben Meter ersparen und hielt meine Hand in
ihre Richtung. Sie ignorierte mich und legte die Post auf den Tresen.
Meine Mitarbeiterin grinste mich an "Sie hasst Dich."
Ich bin zerknirscht. Ich wollte bestimmt keinen Streit, ausgerechnet mit einer Briefbotin.
Seit Tagen frage ich mich, was nun wieder los ist. In letzter Zeit
kommt stattdessen ein freundlicher junger Briefträger.
Ob sie vielleicht inzwischen komplett den ganzen Weg von zu Hause einspart?
Oder wirft Sie die Briefe aus dem Fenster, 16. Stock der Oberpostfiliale?